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Stadthotel glänzt mit Holzmodulen Hotel Bergamo Ludwigsburg

Stadthotel glänzt mit Holzmodulen

Schlagworte

Holzbau-Referenz
HIP - Bauvorhaben
MLR
EFRE Holz Innovativ Programm
2019
Gewerbebau

Projektdetails

ProjektartBauvorhaben - HIP
GebäudetypGewerbebau
OrtLudwigsburg
Fertigstellung2019
FördernehmerFedor Schoen GmbH & Co. KG, Korntal-Münchingen
BilderVON M, Brigida González

Details zum Projekt

Das Hotel Bergamo an der Stadtterrasse in Ludwigsburg fällt von außen nicht als Holzbau auf. Die Fassade aus weißen Faserzementplatten und die fassadenbündigen Fenster verleihen ihm ein ebenso schlichtes wie elegantes Aussehen, verraten aber nichts von der warmen Ausstrahlung des Gebäudeinneren. Eine der Vorgaben der Stadt bestand in der Verwendung von Holz. Für ein Hotel mit sich wiederholenden „Wohneinheiten“ in allen Etagen bot sich die Modulbauweise als Serienfertigung an. Unter- und Erdgeschoss sowie der Treppenhausturm mit Aufzug sind in Stahlbeton ausgeführt. Wie auf einem Tisch setzen die vorgefertigten Raummodule der vier Geschosse darauf auf und reihen sich beidseitig der zentral liegenden Flure aneinander bzw. gruppieren sich um den Erschließungsturm herum; Letzterer sorgt für die Aussteifung des Gebäudes. Für das Dachgeschoss kamen entsprechend der gekappten Mansardendachform anders ausgeformte Module zum Einsatz. Mit rund 15,30 m Höhe ist der fünfgeschossige Neubau der Gebäudeklasse 4 (GK 4) zugeordnet. Mit etwa 28 m Länge und 11,50 m Breite bietet er Platz für 55 Zimmer. Ziel des Entwurfs war, Akzente in architektonischer, bautechnischer und ökologischer Hinsicht zu setzen. Dabei spielte die maximale Reduzierung des CO₂-Ausstoßes sowohl bei der Errichtung als auch im Betrieb eine entscheidende Rolle. Eröffnet wurde das Hotel an der Bauhofstraße Ende 2019.

 

 

Architektur: VON M GmbH, Stuttgart
Nutzer: Gastservice & Hotelbetrieb, Ludwigsburg
Tragwerksplanung: merz kley partner ZT GmbH, Dornbirn (Österreich)
Holzbau: Kaufmann Bausysteme, Reuthe (Österreich)
Brandschutz: Halfkann + Kirchner PartGmbH, Stuttgart
Auszeichnungen: Hugo Häring Auszeichnung des BDA 2020, AIT Award 2020 (2. Preis in der Kategorie Hotel), best architects 21
 

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Videos

Das Architekturbüro VON M zeigt die Produktion der Module und beeindruckende Drohnenaufnahmen beim Aufbau des Gebäudes im Video auf vimeo.com.

Video auf Vimeo ansehen

Holzbau strahlt in weißem Tarnkleid

Seit Eröffnung des Hotels Bergamo an der Bauhofstraße zieht der monolithische Quader in weiß die Blicke auf sich, bringt die Hotelgäste mit dem Thema Holzbau in Berührung und wirbt mit positiver Strahlkraft als starker Botschafter für den Holzbau weit über Ludwigsburg hinaus. Initiiert hat das Projekt Hotelbetreiber Harald Kilgus. Mit dem Neubau wollte er sein Haupthaus aufgrund des steigenden Bedarfs ergänzen. Glückliche Umstände ermöglichten es ihm, das Grundstück in der Nähe des Residenzschlosses zu nutzen. Im Rahmen einer städtebaulichen Maßnahme ist es als neu zu bebauende Fläche deklariert worden. Bis 2014 befand sich dort die Tiefgaragenabfahrt eines Einkaufszentrums.
Zwei Bedingungen knüpfte die Stadt allerdings an die Bebauung: Die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs und die Verwendung von Holz, also die Errichtung eines Holzbaus. Diese Auflagen hatten unter anderem zum Ziel, das erste CO₂-neutrale Gebäude der Stadt und damit ein Vorzeigeprojekt zu schaffen. Denn Ludwigsburg wurde 2014 als nachhaltigste Stadt Europas ausgezeichnet. Wichtig war außerdem, dass der Neubau zur Revitalisierung und Aufwertung des gewachsenen Stadtgefüges und dessen Umfeld beiträgt.
Den Siegerentwurf lieferten die Architekten des Stuttgarter Büros VON M. Er sah einen fünfgeschossigen Holzmodulbau mit Mansardendach vor. Die schlichte, weitgehend symmetrische Kubatur des Neubaus kaschiert die Tatsache, dass die Architekten mit einer schwierigen Topografie konfrontiert waren: Nach Osten fällt das Terrain leicht und nach Norden stark ab. Ins Haus gelangt man von einem neu angelegten, etwas tiefer liegenden Vorplatz im Osten, das Untergeschoss ist halb in den Hang eingegraben und von der Nordseite aus ebenerdig zugänglich.


Bis ein Investor gefunden war und die Ausführung beginnen konnte, vergingen noch zwei Jahre. Der lokale Immobilienbetreiber Fedor Schoen interessierte sich schließlich für das Projekt und hatte im Gegensatz zu anderen Investoren keine Vorbehalte gegenüber einem Holzbau. Ganz im Gegenteil: Er war sogar begeistert von der Holzmodul-Bauweise.
Mit der Planung legten die Architekten dann Anfang 2017 los. Die Lage erforderte allerdings einen städtebaulichen Spagat. So hatte der Neubau sowohl Bezug auf den gegenüberliegenden Waschbeton-Plattenbau des Einkaufszentrums zu nehmen, als auch auf die Gründerzeithäuser und das Residenzschloss. Das Mansardendach des Hotels etwa nimmt Bezug auf die Barockbebauung der Stadt.

In sich stabile Raumkuben aus Brettsperrholz

Jedes Raummodul ist ein statisch in sich stabiler Kubus. Die knapp 5 m langen, 3,75 m breiten und rund 2,80 m hohen Boxen setzen sich aus entsprechend zugeschnittenen 10 cm dicken Brettsperrholz-Platten für die Wände, ebenso dicken Brettsperrholz-Scheiben für die Böden bzw. 6 cm starken Scheiben für die Decken zusammen. Dabei stellen Schrauben den kraftschlüssigen Verbund zwischen den Flächenelementen her. Durch Reihen und Stapeln ergeben sich als Trennwände bzw. Geschossdecken jeweils zweischalige Konstruktionen. Zur Minimierung von Schall sind zwischen den Wänden 2 cm dicke Dämmschichten eingefügt. Zur Vereinfachung der Platzierung beim Stapeln stehen die Wandelemente der Raumboxen oben leicht über. So lassen sich die darüber folgenden Module exakt positionieren. Um auch hier die Schallübertragung zwischen den Zimmern so weit wie möglich zu dämpfen, sahen die Architekten auf den Wandkronen dünne Neoprenstreifen vor. Aus Schallschutzgründen sind die Raummodule auch untereinander nicht verbunden. Die Gebäudeaussteifung erfolgt über den Stahlbeton-Erschließungskern für Treppenhaus und Aufzug. Den Holzmodulen kommt hier keine aussteifende Funktion zu, was eine einfache und materialsparende Konstruktion ermöglichte.

Gebäude - Längsschnitt (PDF)

Gebäude - Querschnitt (PDF)

Modulbau von Profis für Profis

Mit der Vorfertigung der 44 Raummodule beauftragten die Architekten das auf Modulbau spezialisierte Holzbau-Unternehmen Kaufmann Bausysteme aus Reuthe in Österreich. Dies hatte nicht nur den Vorteil, dass die Module schon im Werk fix fertig, inklusive „Raum im Raum“-Sanitäreinrichtungen, und witterungsunabhängig hergestellt werden konnten, sondern auch, dass vor Ort weder Baustelleneinrichtung noch Lagerfläche erforderlich war – beides Vorteile beim Bauen im innerstädtischen Bereich.
Dabei fuhren die mit den Raummodulen beladenen Lkw aus dem steirischen Kaufmann-Werk zunächst zu Zwischenstationen, das heißt auf Autobahnraststätten außerhalb von Ludwigsburg. Von dort lieferten sie die Module auf Abruf nach und nach auf die Baustelle, wo sie sofort per Kran eingehoben und montiert wurden.
Das Reihen und Stapeln der Raumzellen aller vier Geschosse dauerte nur eine Woche. Oder genauer gesagt: Pro Tag konnte ein Regelgeschoss aus 13 Modulen versetzt werden bzw. das Dachgeschoss, einschließlich der zwischen den Modulen anzubringenden Korridorplatten. Einen weiteren Tag benötigten die Monteure fürs Abdichten, Anschließen und das Schaffen der Übergänge.

Eine Sonderstellung nimmt das Dachgeschoss mit nur fünf Modulen ein. Nicht nur hat sich durch die Form des Mansardendaches die Grundrissfläche verkleinert, sondern die Form hat auch einige statische Herausforderungen verursacht. So machten der Kniestock und das 60 Grad geneigte Dach eine andere Grundrissgestaltung erforderlich. Das führte dazu, dass nicht – wie in den Geschossen darunter – die Schmalseiten der Raummodule die Gebäudeaußenseite bilden, sondern die Längsseiten. Das heißt die Module mussten um 90 Grad gedreht werden. Gleichzeitig waren hier Dachgauben einzubauen – die Fenster im dritten Obergeschoss ragen senkrecht über die Traufkante hinaus und sind ab da als Gauben ausgebildet – und unterschiedliche Positionen der tragenden Wände zu berücksichtigen. Darüber hinaus haben die Planer geknickte Stahlstützen unsichtbar in die ModuI-Außenwände eingefügt, um die Lasten aus dem Dachgeschoss abtragen zu können. Deren verschweißte Stöße wirken wie biegesteife Ecken. Die Vertikallasten nimmt die Geschossdecke zwischen drittem und viertem Oberschoss auf. Sie ist mit 12 cm entsprechend dicker gewählt als die Geschossdecken darunter und überspannt als Mehrfeldträger die wie Schotten wirkenden Modul-Wände des zweiten Obergeschosses.
Diese Sondermodule, die jeweils zwei Hotelzimmer zusammenfassen, machten aufgrund ihrer Abmessungen und ihrem Gewicht einen 300-Tonnen-Kran zum Einheben erforderlich. Die B/L/H-Abmessungen des mittleren Moduls betragen immerhin 4,40 m x 5,70 m x 2,90, die der vier Randmodule liegen bei 4,60 m x 10,80 m x 2,90 m.
 

Detailschnitt Fassade Dachbereich (PDF)

Detailschnitt Fassade komplett (PDF)

Großzügiger Raumeindruck trotz wenig Grundrissfläche

Auf dem nicht gerade großen Grundstück mit 400 m² schafften es die Architekten, in dem rund 28 m langen, 11,50 m breiten und 15,30 m hohen Baukörper eine wirtschaftliche Zahl von 55 Zimmern unterzubringen. Entsprechend minimalistisch fielen die Räume mit einer Grundrissgröße von rund 14 m² aus.

Hotel Bergamo

Dass sie trotzdem großzügig wirken, liegt an der reduzierten und geschickten Gestaltung des Innenraums. Dazu gehören auch die weit heruntergezogenen Fenster sowie die sichtbar belassenen Holzoberflächen. Die Zimmer erreichen die Gäste über zentrale Flure zwischen den Modulreihen. Durch Vor- und Rücksprünge der Sanitärkerne in den Raummodulen ergibt sich eine lebendige Rhythmisierung der Flurwände. Man betritt das Zimmer durch eine Art Zwischenzone und kommt dann in den fast quadratischen Wohn-/Schlafraum.
Insgesamt wurden 440 m³ Holz verbaut, der Einsatz von CO₂-intensivem Beton ließ sich durch das verbaute Holz jedoch kompensiere. So ist am Ende ein CO₂-neutrales Haus entstanden.

Projektbeschreibung: Susanne Jacob-Freitag

 

Links

Links: 
Mehr Informationen bei VON M 
Mehr Informationen bei MKP ING
Mehr Informationen bei Kaufmann Bausysteme

 

 

Dieses Projekt wird kofinanziert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).